· 

Ist radikal ist das neue Realistischer (Robert Habeck)?

Es spricht mir aus der Seele, wenn ich in der ZEIT lese, dass unsere Politiker zu mutlos sind: „die globalen Krisen…passen nicht ins kleinräumige Geschirr“ der Koalitionsverhandlungen.

 Die Politik fährt seit der Finanzkrise taktisch clever und opportunistisch „auf Sicht“ und wartet ab. Zumindest sollten sich unsere Politiker gegenseitig ermutigen, über den Tellerrand hinauszudenken mit Mut UND Mitgefühl, Fantasie und Findigkeit!

Aber man will keine Fehler machen. Und wartet erstmal ab - so wie bei der sich ja frühzeitig anbahnenden Flüchtlingskrise oder sie legt gar aktiv den Rückwärtsgang ein wie beim Atomausstieg, bis sie dann von der Realität zu abrupten Wendemanövern gezwungen wird – mit den entsprechenden Kontrollverlusten und Kollateralschäden.

 

Unsere Politiker (und auch wir selbst!) können offenbar nicht „aus unserer Haut“ und im Grunde nur „weiter so“ machen. Uns scheint das reizbarer zu machen. Je weniger wir die echten Krisen von Schule und Pflege, Insektensterben und Nitrat im Trinkwasser bis hin zu Finanz-Crash-Gefahren, „zunehmenden Gefährdungslagen“ und dem Klimawandel angehen, um so heftiger reagieren wir auf einzelne banale Vorfälle aller Art. Wie bei einer Übersprunghandlung muss die Energie einfach raus. Denn das in Angriff zu nehmen, was offenbar ansteht, trauen wir uns ja auch nicht…

 

Wir regen uns immer häufiger und immer heftiger auf, doch wir sind zu befangen, die wirklichen Probleme anzugehen – weil wir dann als wohlmeinende Bürger und gestandene Politiker am Ende vielleicht zu radikal klingen würden, z.B. wenn wir wie der stellv. Chefredakteur der bürgerlich-liberalen ZEIT, Bernd Ulrich, in seinem aktuelle Buch eine Politik fordert, die „die Reichen entwaffnet“, weil „der Staat immer stärker sein müsse als alle Reichen zusammen“.

 

Mir macht ein Politiker Mut wie der grüne Umweltminister Robert Habeck, der mit den Bauern in Schleswig-Holstein auf Augenhöhe reden kann und zugleich die Herausforderungen sieht, die sich auftürmen. Er sagt: „Im Ökologischen, im Sozialen, bei Europa müssen wir eher noch radikaler werden, weil die Zukunftsfragen so radikal sind. Radikaler ist das neue Realistischer.“

 

Noch sind wir nicht beherzt genug, unsere Lebensgrundlagen zu retten. Ökologie ja, aber nur wenn sie marktkonform und bezahlbar ist. Doch weder die Natur noch die Zukunft haben Kaufkraft. Sie sind nicht relevant für den Markt, also werden sie letztlich ignoriert.

 

Offenbar lieben auch wir das Leben um uns herum nicht genug. Das, was einfach da und vorhanden ist, ist uns anscheinend zu langweilig. Würden wir sonst stundenlang in virtuelle Welten abtauchen? Und um unsere Performance zu pimpen, werden wir uns künftig noch mit künstlicher Intelligenz ausstatten, denn so, wie wir sind, taugen wir immer weniger für die Zukunft.

 

Statt unser eigenes Leben als einzigartiges Geschenk und unsere Potentiale als einmalige Chance anzusehen, beschämen wir uns selbst. Die alte Macht der Kirche, die uns beten ließ: „Herr, ich bin nicht würdig…“ geht fast nahtlos an die großen Internet-Konzerne über. Sie wissen es im Zweifelsfalle ultimativ besser. Im Vertrauen an die gute Macht und die Vorsehung der KI beten künftig: „Allwissender Algorithmus befiehl, wir folgen!“

 

Ich möchte da einfach auf eine gute Weise sentimental werden: Ich wünsche uns den Mut, zu unseren Schwächen und unserer Verletzlichkeit zu stehen. Denn nur, wenn wir uns selbst mit unserer Verletzlichkeit annehmen, können wir echte Beziehungen aufbauen. Und das können wir alle schon jetzt – sofort und ohne Geld!

 

Wir müssten nur ein wenig Interesse aneinander entwickeln und die Geduld haben, uns gegenseitig offen und aufmerksam zuzuhören. Mindestens drei Minuten aushalten, ohne ein „ja, aber“ zu entgegnen. Und dann noch einmal freundlich nachfragen. Mehr braucht es ja nicht, um einander zu einer Oase der Begegnung und irgendwann sogar zu einem kleinen Paradies zu werden!