Meine Geschichte

 

Was ich an meinem Leben habe, das habe ich erst richtig gemerkt, als es auf dem Spiel stand, und das war am 14. Juni 2010 in Erden an der Mosel.

Ein Unfall hat mein Leben verändert. Ich war mit dem Rennrad durch die Eifel gefahren, als mir auf der Rückfahrt kurz vor dem Ziel ein Ford Fiesta die Vorfahrt nahm. 

 

Mir wurde in den Wochen nach dem Crash immer bewußter, was ich in meinem Leben alles erreicht habe und genießen durfte: Eine tolle Familie, ein schönes Eigenheim und einen fast unglaublichen Erfolg im Beruf als Chefredakteur von Radio Lippewelle Hamm. Diese Erfahrung hat mich dankbarer gemacht und mut-williger. Und seit dem Unfall vor jetzt sieben Jahren hat sich fast alles in meinem Leben verändert.

 

Dabei bin ich 1990 nur „aus Versehen“ zum Lokalradio gekommen. Eigentlich bin ich examinierter Deutsch- und Philosophielehrer am Gymnasium arbeiten. Doch als ich 1988 das Referendariat in Wuppertal beendet hatte, war ich von einem kompletten Einstellungstop betroffen.

 

Statt endlich Geld zu verdienen und eine Familie zu gründen ging ich mit 30 Jahren zum Arbeitsamt. Man bot mir Umschulungen an u.a. zum Lokaljournalisten. Das interessierte mich richtig! Ich hatte schon während des Referendariats für ein alternatives Lokalmagazin geschrieben und einen Artikel in der ZEIT veröffentlicht sowie zwei Artikel in „Kindlers Literaturlexikon“ über einen Roman von Guntram Vesper und über Bazon Brock, einem originellen Professor für Kunst und Ästhetik.

 

Nach 18 Monaten Umschulung war ich ausgebildeter Lokalfunk-Journalist. Doch Anfang 1990 ließ das Lokalradio in NRW noch auf sich warten. Ich arbeitete deshalb zunächst als freier Mitarbeiter beim WDR bis im April die ersten Lokalsender an den Start gingen. Im Lokalfunk war ich von Anfang an dabei. Bei Radio MK in Iserlohn arbeitete ich eineinhalb Jahre als Redakteur, bis ich erfuhr, dass in Hamm ein neuer Chefredakteur gesucht wurde. Ich bewarb mich im Oktober 1991 mit Erfolg.

 

Diese Posten galten damals als Schleudersitz, denn die Chefredakteure im Lokalfunk wechselten häufiger als die Trainer in der Fußball-Bundesliga. Ich nahm mir vor, drei Jahre lang durchzuhalten, dann wäre ich keine Eintagsfliege gewesen. Es wurden 24 Jahre daraus. Sie machten mich lt. Kress News 4/2015 „zu einem der erfolgreichsten Radiomacher Deutschlands“. Mein Karriere-Aus als Lehrer hatte sich als Katapult erwiesen.

 

"Keine Pflichtübungen!" - mit dieser Devise erklärte ich in einen Vortrag auf dem Medienforum 1994 in Köln unseren Erfolg. Das konsequente Optimieren sei genauso wichtig wie das Ausprobieren von Neuem, sagte ich damals. Dazu braucht es auch Phantasie und Intuition: "Sei da, wo der Ball hingespielt wird!" brachte es die amerikanische Programmmacherin Valerie Weber auf den Punkt 

 

In den vielen Jahren meiner Arbeit als Chefredakteur habe ich gelernt, dass es für den nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens einen konstruktiv-wertschätzenden Umgang mit den Kollegen braucht und eine gemeinsame Idee, die über das Geldverdienen hinausgeht. Gemeinsam entwickelten wir 2009 ein Leitbild für Radio Lippewelle Hamm -  nachzulesen unter www.lippewelle.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/RLWH_Leitbild.pdf

 

Der Lokalfunk NRW gehört als einziger Privatfunk in Deutschland rechtlich den Bürgern. Damit muss er weder der Politik oder dem Geld  nach dem Munde reden, sondern darf auch mal anecken, den Finger in die Wunde legen und auf Mißstände aufmerksam machen. Das ist mir hoffentlich ein Stück weit gelungen. Ich bin davon überzeugt, dass ein Sender AUCH so etwas wie seine eigene Stimme haben muss und nicht nur berateroptimiert und marktkonform sein und seine Hörer fast ausnahmslos nur mit Banalitäten bespaßen darf. Doch diese Ansicht ist nicht mehr selbstverständlich.

 

In meiner Zeit bei der Lippewelle bin ich zu einem der ältesten Chefredakteure im Lokalfunk in NRW  geworden. Dabei hatte ich das Glück, meinen Blick für die Chancen eines lokalen Radioprogramms ebenso zu schärfen wie für die Potentiale, die wir Menschen auch in Hamm in uns tragen. Und das Wecken und Entwickeln dieser Potentiale ist für mich inzwischen zum Schlüssel für eine gute gemeinsame Zukunft geworden. Hört sich banal an, hat es aber in sich: kein Lehrer kann Mitgefühl unterrichten und kein Chef Mut anweisen! Und Menschen, die diese Metakompetenzen entwickeln, selbstbewußt und stark werden, werden den üblichen Politikern, Lehrern und Chefs eher Angst machen. In ihrem Unverständnis und ihrer Ablehnung offenbaren damit aber auch glasklar, das ihnen die Menschen nicht wirklich am Herzen liegen...

 

Hamm ist für mich eine Stadt ohne Schicki-Micki und Allüren. Heckmeck, Aktionismus und das Auf-Show-Machen können eine ehemalige Bergarbeiterstadt ohnehin kaum beeindrucken. Hamm ist vielleicht etwas nüchtern, aber mit einer handfesten Herzlichkeit und einem großen Engagement gesegnet! Ich bin immer wieder berührt und beeindruckt, was die Bürger alles hinkriegen! Viele von ihnen haben kein leichtes Leben und müssen in ihren schlecht bezahlten Jobs richtig kämpfen: Respekt!

 

Es waren auch Hammer Bürger, die die erste Eishallen-Genossenschaft in ganz Deutschland gegründet haben. An der Kettlerschule haben Eltern und Lehrer gemeinsam mit ihren Kindern Hand angelegt und den Schulhof komplett umgestaltet ohne öffentliche Mittel. Am Ende sprachen sie sich alle mit „Du“ an und waren mit Recht sehr stolz auf sich. Oder ein Bauer in Rhynern, der die Nachbarskinder in seine Werkstatt einlud, wo sie gemeinsam Vogelhäuser gebaut und dann für unsere Aktion Lichtblicke verkauft haben.

 

Projekte dieser Art gibt es zahllos in Hamm, wo Menschen etwas am Herzen liegt und sie gemeinsam einen Weg finden trotz unvermeidlichen Misserfolge und Rückschläge. Das imponiert mir wirklich! Denn ihr Engagement lässt sich mit Geld nicht bezahlen. Diese Menschen machen unsere Stadt doppelt lebenswert: einmal durch das, was sie auf die Beine stellen und zweitens durch ihren Mut und ihre konstruktive Art, an die Dinge heranzugehen. Damit sie auch andere Menschen inspirieren können habe ich sie im Radio gerne zu Wort kommen lassen. Ich finde gerade in einer Zeit, wo die Welt verrückt zu spielen scheint und uns aufwühlt, sind sie sehr wertvoll für den Umgang miteinander in einer Stadt. Ich würde mich freuen, wenn wir uns noch mehr gegenseitig einladen, ermutigen und inspirieren könnten!

 

Aus der Finanzkrise habe ich gelernt, dass nichts so sicher sein muß wie es scheint. Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK) spricht von "zunehmenden Gefährdungslagen". Wenn sie uns treffen, könnten sie uns zu Angstbeißern machen, die einen Anführer ermächtigen, der die Zeit zurückdrehen will.  Oder wir entwickeln gemeinsam unsere Gestaltungsfähigkeiten für das, was uns wirklich wichtig. Dazu bedarf es einer dialogischen Kommunikation auf Augenhöhe, wo Menschen sich vorbehaltlos begegnen, um gemeinsame Werte und einen Weg finden.

 

Um diese Art der Kommunikation zu lernen, habe ich mich ausbilden lassen, vertrauliche Gespräche mit Menschen zu führen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Jeder ist anders und keine mitgebrachten Rezepte passen. Weil sich jeder Mensch nur sich selber ändern kann, verschließt er sich, je mehr ich auf jemanden einrede - und das macht unsere Freiheit und Würde aus. Seitdem habe ich gelernt, anderen Menschen so zuzuhören, dass sie ihre eigenen Kraftquellen und ihren persönlichen Kompaß finden.

 

Im Sommer 2016 habe ich mich im Einvernehmen mit der Veranstaltergemeinschaft (VG) vom Sender verabschiedet, um die interessantesten Orte in Deutschland zu besuchen, wo Menschen gemeinsam etwas ausprobieren, für das es kein Vorbild gibt. Dazu gehören Gemeinschaften wie Schloß Tempelhof, Siebenlinden und das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung ZEGG in Bad Belzig. In letzten Jahr habe ich viel über das erfahren, was uns einfallsreicher, mutiger und empathischer macht www.zeitblueten.com/news/zuhoeren-koennen. Seit Juli 2017 bin ich ausgebildeter Coach für eine Lernkultur der Potentialentfaltung. Ich bin überzeugt, was führende Unternehmen immer ernster nehmen, die Metakompetenzen bzw. Softskills,  braucht unsere Zivilgesellschaft und wir auch ganz persönlich für eine gute Zukunft und ein erfüllteres Leben.