Vorsicht Provokation! Wie wir zwischen Gegensätzen Brücken bauen können

Es gibt eine Art zu Denken, die unser Miteinander „revolutionieren“ kann! Das schreibt der wohl bekannteste deutsche Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun in seinem Buch „Erfülltes Leben“, S.144.
Diese „Brille“ kann unser Leben bereichern, uns vor fatalen Verirrungen bewahren und zwischen Gegnern Brücken bauen: das sog. #wertegesetz.

Gegenwärtig erleben wir, wie dieses Denken in Politik und Medien oft destruktiv benutzt wird, um den Gegner zu diffamieren und die Gesellschaft zu polarisieren. Ich möchte Ihnen gerne die Mechanik erklären, damit Sie sie durchschauen können. Wie Sie sie dann verwenden, konstruktiv oder destruktiv, das liegt in ihrer Verantwortung.

Das #wertegesetz beruht auf der Jahrtausende alten Erfahrung, das jeder Wert fatal wird, wenn wir ihn übertreiben: schon das Orakel von Delphi warnte vor 2600 Jahren vor diesem „Übermaß“. Auch Goethe wusste, dass „aus Vernunft Unsinn und aus Wohltat Plage“ werden kann, wenn die „Geister, die ich rief“ mich nicht mehr verlassen. Handwerker warnen „nach fest kommt ab“ und für den Zukunftsforscher Mathias Horx „gibt keine gute Idee, die wir nicht durch Übertreibung zerstören können“. Diese fatale Dynamik der Werte ist natürlich tabu für alle, die sie zur Waffe machen wollen…und vielleicht bringe ich Sie damit auch in Verlegenheit – und gerate selbst ins Zwielicht, wenn ich darüber aufklären will. Allerdings ist F.Schulz von Thun als humanistischer Psychologe bislang noch über alle Zweifel erhaben.

Weil Werte keine absoluten Größen sind, riet schon der griechische Philosoph Aristoteles zum rechten Maß bzw. zur Mitte: so liegt z.B. der Wert der Tapferkeit zwischen der Feigheit und der Tollkühnheit und z.B. die Freigebigkeit zwischen Geiz und Verschwendung. Es war der Philosoph Nicolai Hartmann, der sich fragte, ob vielleicht auch in der Feigheit ein positiver Wert liegen könnte – und er fand (ausgerechnet 1926 – also vor fast 100 Jahren) als jeweils zweite Tugend die Vorsicht sowie im Geiz die Sparsamkeit.

Damit kann JEDER positive Wert durch Übertreibung in sein Gegenteil, in einen Unwert verwandelt werden – aber zugleich ist in jedem Unwert etwas Positives und damit Legitimes verborgen! Und das ist natürlich die pure Provokation für alle, die in Medien und Politik das große Wort führen, aber zugleich auch der Grund, unsere Demokratie zu schätzen als Möglichkeit, mit Argumenten aushandeln zu können, welcher Wert gerade in dieser jetzigen Situation richtig ist – immer im Bewußtsein, dass diese Situation sich wandeln kann und wird.

In der praktischen Konsequenz braucht jeder positive Wert immer einen zweiten positiven Gegenwert zur Ergänzung & Balance – und das je nach Situation mal mehr und mal weniger. Und es gab Politiker, die so denken und Gegensätzliches verbinden konnten wie z.B. Helmuth Schmidt. So kombinierte er die im Doppelbeschluss Aufrüstung mit Verhandlungen mit Russland. Gerade weil er kriegserfahren war, wurde er friedenstüchtig und konnte noch sagen: „lieber hundert Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute zu schießen“. Heute ist Medien und Politikern das kaum noch möglich, wenn sie konsequent den Ergänzungswert ignorieren und nach der Devise handeln: „Ich bin das Ideal und Du bist der Skandal!“.

Nach dem #wertegesetz ist z.B. Vorsicht gut. Aber der Übervorsichtige wird irgendwann zum Feigling. Auch Mut ist gut, aber der Mutige kann sich auch zum leichtsinnigen und blindwütigen Draufgänger „entarten“, wie von Thun formuliert. Vertrauen zu haben ist gut, sollte sollte aber nicht zu vertrauensselig sein, denn das wird schnell ausgenutzt. Deshalb ist es gut, auch frei-mütig konfrontieren zu können. Und Besonnenheit ist ausgerechnet in Notsituationen wichtig, weil hier Panik Gift ist: so halten sich Einsatzkräfte an die sog. Ten-for-ten-Regel: sie halten immer wieder zehn Sekunden inne, um zu überlegen, was in den nächsten zehn Minuten sinnvollerweise zu tun ist.

Politisch ist das #wertegesetz unbeliebt. Er verhindert die klaren Kanten, apodiktischen Statements und durchgreifenden Maßnahmen, mit denen sich Politiker am besten profilieren können. Nur die Folgen sind fatal, denn diese Politiker können nicht mehr einlenken – auch dann nicht, wenn sich die Lage geändert hat – wie bei Corona: als das RKI intern bereits Entwarnung gab, ignorierte die Politik das und rief heftiger Alarm als zuvor, um die Impfpflicht durchzusetzen. Erst als Putin die Ukraine angriff, war von Corona plötzlich keine Rede mehr, fast so, als ob es das Virus nicht gegeben hätte…

Dabei erlaubt es auch das #wertegesetz, in herausfordernden Situationen „Nägel mit Köpfen“ zu machen! Einseitigkeit ist situativ erlaubt! Aber nicht prinzipiell, denn die zweite Seite darf niemals aus dem Blick geraten oder ihre Vertreter diffamiert werden.